Man sehe es mir bitte nach, wenn ich in komplexen Zeiten wie diesen einen einfachen Blick auf die Welt habe …
Ich hatte eine Oma, die als Kind ihre Brüder im Ersten Weltkrieg verlor. Die ihren Vater, aufgeknüpft an einer Laterne, vorfand, nachdem er sich in der Kneipe gegen Hitler geäußert hatte. Die durch den Zweiten Weltkrieg von ihrem Sohn und ihrem Mann getrennt wurde. Die bei minus 30 Grad mit ihrer kleinen Tochter und zwei Rucksäcken auf die Flucht ging – ohne zu wissen, wohin. Und ohne zu wissen, ob der Rest der Familie überhaupt noch lebte.
Für die der Abschied von ihrer Heimat über Nacht und für immer wie ein Tod war.
Die aber weiterkämpfte – für ihr Kind und für die Hoffnung. Während sie unterwegs, auf der Flucht und Vertreibung, das Schlimmste erlebte. Das, was damals Hunderttausenden Frauen geschah, die schutzlos auf der Flucht waren …
Ich hatte eine Oma, die nach Kriegsende zwei Jobs annahm, um etwas Brot für ihr Kind kaufen zu können, und selbst weiterhungerte. Die über die gefährlichen Grenzen der Besatzungszonen hinweg um das Wiedersehen mit ihrer großen Liebe kämpfte – schließlich ein Leben lang. Doch die Mauer, die Deutschland dann trennte, trennte auch sie für immer von ihrem Mann.
Sie war eine von Millionen Frauen, die immer weitermachten und nie aufgaben. Die aber mit ihrer Lebensleistung und ihrem Leid nie wirklich gesehen wurden. Es war eine Generation, die so etwas wie Psychotherapie oder andere Unterstützungen in Krisen nie erfuhr.
Und so starb meine Oma, krank, einsam und voller Sehnsucht, als 90-Jährige in einer schrecklichen Klinik des DDR-Gesundheitssystems.
Sie hinterließ eine Tochter, die jene Bombennächte, die eisige Flucht, die Trennung von Vater und Bruder und die Gewalt gegen die eigene Mutter als ohnmächtiges Kind erlebt hatte und diesen Schmerz ein Leben lang mit sich trug. Die so sehr unter dieser Last litt, dass sie ihr eigenes Leben verpasste. Ein Leben, das mit all ihren großartigen Talenten auch ein ganz anderes hätte sein können.
Doch der lange Schatten des Krieges und des Leids, das gewaltsame Trennungen hervorrufen, lag auf ihr wie ein Fluch. Er stahl ihr die Fähigkeit zum Glücklichsein.
Und ich weiß noch, dass sie als junge Frau einmal kurz davor war, den Schreibtisch einer DDR-Polizistin umzuwerfen, die ihr den Kontakt zu ihrem in Hamburg verbliebenen Vater verbieten wollte und sich über ihre lebenslange Sehnsucht lustig machte.
Im letzten Moment zog meine Mutter die Hand gegen die Beamtin zurück.
Denn ich – damals vier Jahre alt, mit meinen kurzen Zöpfen und großen Augen, weil ich nichts von dem Geschrei im Raum verstand – hielt sie zurück. Sie wusste: Wenn sie hier gegen die Staatsgewalt auftritt, landet sie womöglich im Gefängnis und ich im Kinderheim. Getrennt von ihr.
Also trat sie wieder einen Schritt zurück, verließ schweigend den Raum und schwieg dann ein Leben lang – bis ich sie nun, über 90-jährig, an die Demenz verliere.
Dabei vergisst sie sehr vieles.
Nur ihren Schmerz nicht.
Der wütet weiter in ihr.
Das, was ich hier beschreibe, kennen viele andere Menschen – auch aus anderen Nationen und anderen Zusammenhängen. Und ihre Kinder kennen es ebenfalls: Kinder, die die Wunden ihrer Vorfahren spüren, ohne im Moment des eigentlichen Dramas dabei gewesen zu sein. Und solche, die heute selbst mit ihren gerade mal neun Jahren Bombennächte kennenlernen.
Also sehe man es mir bitte nach, wenn ich in komplexen Zeiten wie diesen – einfach aufgrund meiner Vita, die so eng mit den Lebenserfahrungen derer verknüpft ist, die vor mir waren – einen simplen Blick auf die Welt habe:
– Ich finde Brücken besser als Mauern. – Verstehen wollen klüger als urteilen. – Zusammenhalt schlauer als Gräben. – Frieden wichtiger als Krieg.
Denn der wiederum bleibt nie auf einem Schlachtfeld.
Er kriecht in alle Häuser und wütet dort über Generationen hinweg, während wir uns darüber wundern, warum Menschen seltsam reagieren und das Zusammenleben manchmal so schwierig ist.
Meine Mutter erzählte mir oft die Geschichte von ihrer Puppe Sybille, die sie als Kind auf der Flucht zurücklassen musste und später, nach der Rückkehr in die alte Heimat, im Besitz eines polnischen Mädchens wiederfand.
Wenn sie davon berichtete, dass sie ihre Puppe nie zurückbekam, konnte ich ihren Schmerz mit Händen greifen. Egal, wie alt meine Mutter inzwischen war.
Und ich kenne eine ähnliche Geschichte aus einem Interview, das ich mit einer Polin führte.
Auch sie musste ihre geliebte Puppe zurücklassen, als sie mit ihren Eltern vor den Nazis floh. Später sah sie ihren kleinen Liebling wieder – nun in den Händen der Tochter eines deutschen Offiziers. Auch das kleine polnische Mädchen bekam seine Puppe nie zurück. Und auch ihr brach es das Herz.
Letztlich ähneln sich all diese Geschichten.
Und egal, woher die Kinder kommen, egal aus welchem Land und egal, unter welchen Machthabern sie leben: Sie alle könnten wahrscheinlich gut miteinander auskommen. Sie würden gern miteinander spielen, hätte man in der Welt der Erwachsenen um sie herum andere Entscheidungen getroffen.
Also sehe man es mir nach, wenn ich in komplizierten Zeiten wie diesen einen einfachen Blick auf die Welt habe:
– Ich finde Brücken besser als Mauern. – Verstehen wollen klüger als urteilen. – Zusammenhalt schlauer als Gräben. – Frieden wichtiger als Krieg.
Denn der wiederum bleibt nie auf einem Schlachtfeld. Er kriecht in alle Familien und wütet dort über Generationen hinweg.